Interview mit Jungmeister und Baumgart

Interview mit Alexander Jungmeister und André Baumgart

«Unser Angebot findet nicht im akademischen Elfenbeinturm statt»

Management Was macht einen guten Arzt aus? Medizinisch versiert sowie respektvoll im Umgang mit Patienten sollte er sein. Diese Qualitäten reichen heute aber nicht mehr aus, um eine Station, Abteilung oder eine Klinik zu leiten – dafür sind Leadership- und Management-Fähigkeiten gefragt. Genau dieses Fachwissen vermittelt die Uni Luzern in Zusammenarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital. Eine Partnerschaft, die für alle hohen Nutzen stiftet. Wir sprachen mit den Köpfen hinter dem Projekt – und erfuhren, wie sie Spitäler zu Flughäfen machen.

Miriam Dibsdale

Alexander Jungmeister, André Baumgart: Warum haben Sie den Weiterbildungskurs «Recht, Unternehmensführung und Leadership im Gesundheitswesen» ins Leben gerufen?

Herr Jungmeister
Alexander Jungmeister

Alexander Jungmeister: Wir haben den Kurs entwickelt, weil ein ausgewiesener Bedarf im Spitalwesen dafür besteht. Zur Veranschaulichung: Der typische Karriereweg von Spitalärzten verläuft so, dass sie eine Fachkarriere machen und dabei zunehmend in der Hierarchie aufsteigen. Mit der Zeit übernehmen sie dann Führungsverantwortung. Das Problem: Dafür fehlen ihnen die notwendigen Instrumente. Das ist der primäre Grund, warum wir den Kurs entwickelt haben – wir taten dies aus der Not heraus, Medizinern das nötige Rüstzeug für ihre Führungsaufgaben an die Hand zu geben. Das ist auch der Grund, warum wir uns für einen ganzheitlichen Ansatz entschieden haben, der unter anderem Themen wie Leadership, Governance, Organisation, Ethik, Führung und insbesondere auch Finanzen im Gesundheitssystem umfasst. Wir legen Wert darauf, dass unsere Absolventen einen realen Business Case finanziell rechnen können. Daneben fokussieren wir natürlich auf Medizinbranchen-spezifische Aspekte wie die Patienten-Orientierung. In anderen Branchen würde man dies «Kundenorientierung» nennen.
 
An wen richtet sich Ihr Angebot primär?
André Baumgart: Im Fokus stehen Kaderleute des Spitals. Wir richten uns vor allem an die oberen Führungsebenen, wie Kaderärzte oder Abteilungsleiter , aber auch talentierte Gruppenleiter mit Potenzial können durchaus für die Weiterbildung in Frage kommen.
 
Die Schweizer Weiterbildungslandschaft ist schwierig zu überschauen. Wie heben Sie sich ab?

André Baumgart
André Baumgart
Baumgart: Verschiedene Faktoren zeichnen uns aus: Zum einen ist unser Angebot multidisziplinär. Das bedeutet, alle Berufsgruppen des Unternehmens werden angesprochen. Gleichzeitig sind wir aber branchentechnisch sehr fokussiert: Lerninhalte wie Medizinökonomie, Management, Führung und regulatorische Aspekte beruhen allesamt auf den Grundlagen, die das Schweizerische Gesundheitswesen umfasst. Und als letzter und wichtigster Punkt: Unser Angebot findet nicht im akademischen Elphenbeinturm statt. Viele Führungslehrgänge werden in Universitäten oder Hochschulen ohne oder mit nur geringer Koordination mit den Betrieben durchgeführt. Das ist bei uns nicht der Fall, der Wissenstransfer mit einer Praxisarbeit sowie die Anwendbarkeit des Lehrstoffs im Betrieb durch praxisnahe und aktuelle Fallstudien stehen zu jeder Zeit im Zentrum.

 

Viele Bildungsinstitutionen nehmen für sich in Anspruch, Praxistauglichkeit zu bieten. Wie stellen Sie diese konkret sicher?
Jungmeister: Durch die Zusammenarbeit zwischen Universität und Kantonsspital sind wir in der Lage, den Studierenden echte Live-Cases zu präsentieren; reale Problemstellungen aus der Praxis also, die das Spital gerade im Moment bearbeitet, nicht historische Fallstudien. Diese müssen die Teilenhmenden bearbeiten und dafür das vorderhand erworbene theoretische Wissen praktisch umsetzen. Das Ergebnis ist ein konstanter Reality Check. Dieses Vorgehen ist so in der Schweiz einzigartig.
 
Baumgart: Die Bearbeitung dieser Problemstellungen erfolgt in wechselnden Teams oder Gruppen. Das Ziel ist die Implementierung der erarbeiteten Lösungen, die Arbeiten sollen nicht in irgendeinem Ordner verschwinden. Und dieses Ziel erfüllen wir: mehr als die Hälfte bis Drei Viertel der erarbeiteten Projekte wurden oder werden tatsächlich umgesetzt. Das ist eine fantastische Quote. Und ein grosser wirtschaftlicher Vorteil: Die Projekte des letzten Kurses errechneten dem Kantonsspital Luzern erwartete Ergebnisverbesserungen von über 200 Millionen Franken (über 10 Jahre).
 
Lernen in der Universität
 
Wie läuft die Weiterbildung formal ab?
Jungmeister: Der Unterricht findet in Blockzeiten statt, während zwei bis drei Tagen. Morgens wird die Theorie vermittelt, meist durch Professoren und Dozierende der Universität. Nachmittags folgen dann Praxisvorträge aus dem Spitalalltag. Am Abend wiederum werden die Cases Studies aus dem Klinikalltag behandelt. Die Erarbeitung von tauglichen Praxislösungen ist dann Teil der Abschlussarbeit.

 

Welches Langzeit-Ziel verfolgen Sie mit der Kooperation von Universität und Spital?

Jungmeister: Das Schweizer Gesundheitswesen muss sich weiterentwickeln. Die Gesundheitsinstitutionen müssen die Möglichkeiten der modernen Technologie aktiv nutzen. Spitäler sind heute häufig noch hochgradig inneffizient. Alles wird noch auf Papier festgehalten und mühsam abgelegt. Es gibt sehr viele Mehrfacherfassungen, Systembrüche und Doppelspurigkeiten. Uns schwebt ein Betrieb vor, der ähnlich effizient wie ein Flughafen funktioniert.

 

Ein Flughafen?
Baumgart: Ja, in der Tat. Ein Flughafen ist ein Vorbild fürfür ein effizientes Kundenmanagement. Stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Spital, haben vorher bereits online «eingecheckt» und bereits Ihren Termin über das Smartphone bestätigt bekommen. Sie wissen auch schon, wo Sie hinmüssen und der zuständige Arzt, der Sie in Empfang nimmt, ist bereits über Ihre medizinische Vorgeschichte im Bilde. Untersuchungsergebnisse und Laborbefunde gelangen dann stets unmittelbar an die Behandlungsteams. Auf diese Art und Weise könnten auch Diagnosen schneller erfolgen und Patienten wären weniger lange mit Unsicherheit konfrontiert. Dies würde somit nicht nur die Zufriedenheit und Lebensqualität unserer Patienten fördern sondern senkt auch die Gesundheitskosten des gesamten Behandlungsablaufs.

Über den CAS RULG «Recht, Unternehmensführung und Leadership im Gesundheitswesen»

Die Idee für das Weiterbildungsangebot entstand im Jahr 2013 aus dem Kontakt zwischen Mitarbeitern des Spitals und der Universität heraus. Das Konzept wurde zu einem CAS Zertifikationskurs entwickelt, im Dezember 2014 erfolgte der erste Kurs. Diverse Projekte sind aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangen welche das Betriebsergebnis des Spitals um über CHF 200 Millionen verbessern konnten.