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«Unser austariertes System erträgt keine Hauruckübungen»

Starker Franken, schwierige Wirtschaftslage – diese Themen dominieren derzeit Johann N. Schneider-Ammanns beruflichen Alltag. Dennoch fand der Bundesrat Zeit, «Aus- und Weiterbildung» zu erläutern, warum das Bildungssystem der Schweiz so gut funktioniert – und warum man daran nicht zu viel schrauben darf.

Miriam Dibsdale

Herr Bundesrat, aus aktuellem Anlass: Träumen Sie als Wirtschaftsminister schon vom Euro?

Die kurzen Nächte brauche ich in erster Linie zur Erholung. Und tagsüber beschäftigt mich momentan vor allem der starke Franken. Wir suchen nach Wegen, um insbesondere die Exportwirtschaft und den Tourismus in der finanziell schwierigen Situation zu unterstützen. Die Herausforderung ist höchst anspruchsvoll und ich will dazu beitragen, dass die Beschäftigung maximal hoch bleibt und einer drohenden Arbeitsplatzverlegung ins Ausland vorgebeugt wird.

 

Wenn Sie sich Ihren eigenen Bildungsweg vor Augen führen, was bringen Sie mit dem Begriff «Schule» primär in Verbindung?

«Schule» heisst für mich natürlich lernen, aber auch Kameradschaft, Schulreisen, Fussball-Turniere, Sprachkurse, Skilager und später Maturitätsprüfung. Irgendwann wird aus Schule dann Ausbildung, mit den Vordiplomen an der ETH, den Praktika und letztlich Diplomprüfungen in Zürich und MBA-Ausbildung in Fontainebleau, Paris.

 

Unsere Ausgabe stellt auch die Weiterbildungen in den Fokus. Haben Sie selber schon einmal Weiterbildungskurse besucht?

Durchaus, in den ersten Berufsjahren habe ich systematisch Weiterbildungen in Sozialfragen, Arbeitspsychologie wie auch in Organisationslehre besucht. Und dann jede Menge Tageskurse zu politischen, gesellschaftlichen und fachspezifischen Themen.

 

Sie stehen u.a. dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation vor. Welches sind aus Ihrer Sicht die grossen Baustellen in Sachen Bildung in der Schweiz? Leidige Dauerbrennerthemen sind ja etwa Lehrer-Burnout und zu grosse Schulklassen.

Die von Ihnen angesprochenen Themen werden im Rahmen unseres föderalistischen Bildungssystems auf kantonaler Ebene angegangen. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass wir keine «grossen Baustellen» haben, weil wir zusammen mit unseren Partnern die Hausaufgaben bezüglich Systementwicklung fortlaufend gemacht haben – und auch fortlaufend machen. Dabei ist es wichtig, dass die Kantone und der Bund ihre jeweiligen Zuständigkeiten respektieren und sich, gestützt auf das Bildungsmonitoring und den Bildungsbericht, gemeinsame bildungspolitische Ziele setzen. Dass in der Schweiz 95 Prozent aller 25-Jährigen mindestens über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen, war eines dieser Ziele, und das haben wir erreicht. «Kein Abschluss ohne Anschluss», ist ein anderes Ziel, weswegen wir die Berufsmaturität geschaffen und die Fachhochschulen aufgebaut haben.

 

Trotz Erreichung gesteckter Ziele: Wo orten Sie konkreten Handlungsbedarf?

Wie gesagt, wir sind gut unterwegs: Unser Bildungssystem funktioniert dank der soliden Finanzierung, dem gesunden Wettbewerb und dem gerade in Bildungsfragen bei der Bevölkerung tief verankerten Föderalismus ausgezeichnet. Die Schweiz weist im internationalen Vergleich bei der Bildung die grösste gesellschaftliche Durchlässigkeit auf. Sie ist auch in Forschung und Innovation Weltspitze. Um unsere duale Berufsbildung werden wir im Ausland richtiggehend beneidet, zumal von denjenigen Ländern, die bei der Jugendarbeitslosigkeit traurige, zweistellige Werte erreichen. Beide ETH und sieben unserer zehn kantonalen Universitäten figurieren im renommierten «Times Higher Education Ranking» unter den 150 weltbesten Hochschulen. Das sind alles gute Gründe für mich, um die Rahmenbedingungen unseres Bildungssystems genau so zu belassen, wie sie sind. Unser austariertes System erträgt keine Hauruckübungen; Massnahmen auf der einen Ebene können negative Auswirkungen auf der andern zeitigen, die selbst auf den zweiten Blick noch nicht erkennbar, aber langfristig schädlich sind. Die Bildungslandschaft Schweiz bleibt dann erfolgreich, wenn es uns gelingt, fortlaufend dem zunehmenden Bedürfnis nach individualisierten Bildungswegen und nach Neuorientierungen im Sinne des lebenslangen Lernens zu entsprechen.

 

Wie stehen Sie neuen Lehrformen gegenüber, wie den «Massive Open Online Courses» (MOOCs), mit denen die Uni Lausanne einer Million Menschen das Studieren ermöglichen will?

Die rasante Entwicklung der MOOCs in den vergangenen Jahren hat zu einem Wandel der Hochschullandschaft geführt, manche sprechen gar von einer echten Bildungsrevolution. Und in der Tat sind MOOCs mehr als eine Modeerscheinung; sie zeigen das grosse Potenzial der digitalen Hilfsmittel auf. Dies betrifft nicht nur die Formen der Vermittlung und den Zugang zum Wissen, sondern auch den Einflussbereich von Universitäten. Die ETH Lausanne zählte in Kontinentaleuropa zu den Pionieren beim Anbieten von MOOCs (Massive Open Online Courses). An der ETH Zürich war man bisher zurückhaltender. MOOCs und andere Formen des eLearning bieten Studierenden als komplementäres und zeitlich flexibles Lerninstrument oder auch als Mittel gegen überfüllte Hörsäle unzweifelhaft Vorteile.

 

Findet Lernen in Zukunft gar nur noch online statt?

Durch technische Entwicklungen wie das mobile Internet, Tablet Computer, Cloud Computing sowie das Heranwachsen der ersten Generation von «Digital Natives» werden solche Angebote mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit eine höhere Durchdringung erreichen als bisherige Initiativen in diesem Bereich. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie die direkte, menschliche Interaktion in einem Lernprozess vollständig ersetzen können – was ich mir im Übrigen auch gar nicht wünschen würde. Ich wage also die Prognose, dass in Zukunft digitale Instrumente im Unterricht graduell zunehmen, sie aber komplementär und unterstützend zu traditionelleren Methoden bleiben werden.

 

Wirtschaftsvertreter führen immer wieder die Innovationsfähigkeit der Schweiz als internationalen Wettbewerbsvorteil an. Welchen Stellenwert hat die Weiterbildung Ihres Erachtens dabei?

Einen sehr hohen Stellenwert hat zweifelsohne unser breitgefächertes, durchlässiges Bildungssystem, indem Aus- und Weiterbildung für jede Person auf jeder Stufe jederzeit möglich ist. Der hohe Bildungsstand und das berufliche Können unserer Bevölkerung begünstigen Innovationen und sorgen dafür, dass unsere Wirtschaft floriert. Daneben sehe ich für die hohe Schweizer Innovationsfähigkeit jedoch weitere ineinandergreifende Gründe: Die «liberale» Regulierungsdichte des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft, sozialer Friede, Verlässlichkeit und Mass im Fiskalbereich, hervorragende Infrastrukturen, günstige Bedingungen für Unternehmen, der Wettbewerb autonomer Hochschulen, öffentlich finanzierte freie Grundlagenforschung von internationaler Relevanz – all das und noch mehr ergibt in unserem Land offenbar ein Klima, das für Innovationen besonders günstig ist. Ausserdem arbeiten fast alle Akteure im Wettbewerb; Kompetitivität ist in unserem Land ein wichtiger Grundsatz. Das sorgt für Qualität, das sorgt für Spitzenleistungen.