Kid playing with jet pack

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Die Gleichstellung beginnt früh

Orientierung Die meisten Kinder haben einen Berufswunsch. Zum Zirkus, ins All oder im Park mit Hunderten von Hunden – nur wenige Beispiele für Berufe, in welchen sich Kinder später sehen. Wie die spätere Berufswahl sind bereits diese Vorstellungen oft von der Geschlechterdarstellung im Kinderzimmer beeinflusst.

Sara Schild

Erst vor Kurzem entschied der Nationalrat über einen Geschlechterrichtwert in börsenorientierten Unternehmen. Für Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, ist eine solche Entwicklung ein Schritt in die richtige Richtung: «Das Ziel ist, Frauen mit guten Kompetenzen und einem grossen Potenzial auf eine Stelle aufmerksam zu machen. Mit einer solchen Quote suchen Unternehmen dieses Potenzial, können es erkennen und die Laufbahn dieser Frauen fördern.»

Präsenz als A und O der Gleichheit

Auch die Politik hat bereits gezeigt, dass Frauen eine klare Chance für eine Wahl haben, solange sie im Blickfeld sind. «Wenn Frauen in der Politik einen guten Listenplatz haben, in der Wahlliste demnach gut ersichtlich platziert sind, erkennt man betreffend Wahlchancen zu ihren männlichen Kollegen keine Unterschiede mehr», so Anja Derungs. Doch auch für das andere Geschlecht hat eine solche Quote Konsequenzen: «Für Männer wird die Konkurrenz mit der eingeführten Quote grösser und die Männer-folgen-auf-Männer-Stellenvergabe sowie die Stellensuche durch informelle Kontakte wird schwieriger», so Anja Derungs weiter. Der Entscheid des Nationalrats fiel knapp aus – die Vorlage wurde mit 95 zu 94 Stimmen angenommen. Woran liegt die Skepsis der Schweizer Politikerinnen und Politiker?

Es braucht Vorgaben. Die Geschlechtergleichheit passiert nicht von selbst.

Knapper Entscheid im Nationalrat

«Die Schweiz ist allgemein sehr wirtschaftsliberal. Der Staat greift mit dieser Einstellung nur ungern mit Vorgaben in die Wirtschaft ein. Trotzdem will man in der Gesellschaft und im Erwerbsleben Gleichstellung leben. Deshalb ist ein solcher Eingriff nötig», erklärt Anja Derungs. Auch in der Bundesverfassung ist die Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Beruf, in Familie und Ausbildung seit mehr als 35 Jahren verankert. Massnahmen sind deshalb nötig. «Es braucht Vorgaben. Die Geschlechtergleichheit passiert nicht von selbst. Die Messlatte für Frauen soll nicht höher sein, nur weil Rollenbilder noch immer in den Köpfen der Menschen vorhanden sind», begründet Anja Derungs. In gewissen Bereichen sind in den letzten Jahren auch Fortschritte passiert – beispielweise in der Ausbildung.

Studienrichtungen zuerst, dann der Beruf

«Frauen sind heutzutage sehr gut ausgebildet. In gewissen Studienfächern wie beispielsweise in der Medizin sind sie bereits sogar in der Überzahl. Das Hauptproblem, das auf die Ausbildung folgt, ist der erschwerte Berufsaufstieg», betont Anja Derungs. Das liege zum einen an der bereits genannten Männer-folgen-auf-Männer-Stellenvergabe oder am fehlenden Netzwerk, allerdings auch an der Berufswahl. Technische Berufe bieten beispielsweise andere Aufstiegs- und Lohnmöglichkeiten als das Gesundheitswesen. Die geschlechterspezifische Berufswahl von jungen Frauen und Männern muss in Zukunft überdacht werden. Denn gerade im Gesundheitswesen zeigt sich seit einigen Jahren ein Fachkräftemangel. Um den Beginn für einen solchen Wechsel einzuläuten, ist es nötig, Geschlechterstereotypen über Bord zu werfen.

Bei der Lohnungleichheit ansetzen

Frauen suchen sich auch heute noch Berufe, die besser mit der Familienarbeit vereinbar sind. Sie sind es denn auch, die weitaus den grössten Teil der unbezahlten Arbeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung leisten. Um dies zu ändern sagt Anja Derungs: «Ansetzen muss man an der Lohnungleichheit. Leider kommt es heute nicht selten vor, dass Frauen für dieselbe Arbeit weniger verdienen. Dabei soll für gleichwertige Arbeit der gleiche Lohn bezahlt werden». Ein weiterer Ansatz, an dem besonders Unternehmen arbeiten könnten, ist die Familienfreundlichkeit für Mitarbeitende und den Erhalt von Müttern im Berufsleben. Der früheste Einfluss auf das Gleichheitsbewusstsein beginne nach Anja Derungs allerdings im Kinderzimmer.

Der Mythos der Rabenmutter muss sobald wie möglich aus den Köpfen verschwinden.

Das richtige Bild vermitteln

«Am besten wäre natürlich, wenn Eltern früh an dieser Thematik ansetzten und ihren Kindern zeigten, welche Vielfalt von Berufen und Möglichkeiten in der Schweiz existiert. So helfen sie, den Horizont ihrer Kinder zu erweitern », so Anja Derungs. So können auch Chefinnen, Pilotinnen oder Ingenieurinnen im engen Umfeld als Vorbilder für den späteren Berufsverlauf dienen. Zudem ist das Spielzeug im Kinderzimmer ausschlaggebend für den frühen Einfluss. Mädchen können genauso mit Legosteinen eine eigene Fantasiewelt auf die Beine stellen. Sollte sich das eigene Kind für einen geschlechtsuntypischen Beruf entscheiden, ist die Unterstützung zuhause umso wichtiger. Auch die Gesellschaft muss sich von eingetrichterten Bildern lösen – nicht nur von demjenigen der Berufswahl.

Vorurteile beseitigen

«Leider gelten vielbeschäftigte Mütter schnell als Rabenmütter oder werden als ungeeignet abgestempelt, die eigenen Kinder zu erziehen. Der Mythos der Rabenmutter muss sobald wie möglich aus den Köpfen verschwinden», kritisiert Anja Derungs. In Frankreich seien die ausserfamiliäre Betreuung und die Ansicht, dass die Kinder dadurch keinen Schaden nähmen schon Gang und Gäbe, so Derungs. Handkehrum versuche man deshalb auch mehr Männer in die Kinderbetreuung zu locken. «Bei Frauen wie auch bei Männern bestimmen Vorurteile noch zu stark über die Berufswahl. Auch Medien und Werbung sind an diesem Bild nicht unschuldig. Wichtig ist deshalb eine offene und unterstützende Haltung», schliesst Anja Derungs ab.